Der Wasserkocher zischte und dampfte. Gisela, die Tresenbedienung, sicherte ihren Haarzopf, den sie über die Schulter warf, und wartete auf die automatische Geräte-Abschaltung. Dann öffnete die 54-Jährige den Klappdeckel und begann mit der nächtlichen Drei-Uhr-Feierabendroutine. Zuerst machte sie sich an die Desinfektion der Zapfanlage, was gewöhnlich nicht länger als vier Minuten dauerte. Dazu hob sie den Wasserkocher derart an, dass die Zapfhähne der drei angeschlossenen Biersorten tief hineinreichten ins noch siedende Wasser. Eine Prozedur, die jedem Keim den Garaus machte.


Mit einem Mal klopfte es an der Eingangstür. Gisela hob den Kopf. Es war ein unbekanntes Klopfen, irgendwie leblos, weder zaghaft noch fordernd. Merkwürdig auch, dass sich an den Fenstern links wie rechts der Tür kein Schatten abzeichnete. Der um Einlass begehrende Besucher musste also über die Straße gekommen sein. Dies war ungewöhnlich, denn die spät nachts gelegentlich Einlass Begehrenden kamen allesamt von links, also vom Hauptbahnhof. Allerdings waren so spät nur wenige Nachtschwärmer unterwegs. Frauen zumeist, manchmal Mädchen.

Die hofften auf ein Schwätzchen, ein wenig Vertrautheit - suchten eine Art Tankstelle für die Seele zum Durchhalten ihres Scheißjobs. Dazu nahmen sie einen Drink, den einzigen, den Gisela nach der Reinigung des Tresens bereit war auszuschenken: Cuba Libre. Übrigens die Spezialität des Hauses, wie es auf einer abgenutzten, mit roter Farbe beschriebenen Schiefertafel hieß. Immerhin handelte es sich hier um eine kubanische Bar, eben um die Havanna-Bar, wovon auch die zahlreichen Fotos und Bilder an den Wänden zeugten.   

Wieder erklang dieses unrhythmische Klopfen. Misstrauisch, mit kurzen, zögernden Schritten löste sich Gisela vom Tresen. Ihre Wangen unter den blondierten Haaren verloren an Farbe bei dem Gedanken an die nächtlichen Überfälle, die das Viertel zuletzt heimgesucht hatten. Oder sollte vielleicht ...? Wie aufgescheucht aus der Umfriedung eines nicht mehr jungen Lebens begann ihr Herz zu rasen. Hinter dem üppigen, noch immer festen Busen spürte sie ein schmerzhaftes Pochen. Sollte tatsächlich Fernando ...? Oh Gott! Fernando war kein gewöhnlicher Mann. Gisela nannte ihn den Todesengel ihrer besten Jahre. Unerwartet war er damals in ihr Leben getreten, wie aus heiterem Himmel, die inneren und äußeren Seiten ihrer Fraulichkeit im Sturm erobernd. Viele Jahre hatte das athletische Kraftpaket dieses Terrain besetzt gehalten, alles, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hatte zerstörend wie ein Bulldozer eine lebendige Vegetation. Seit Tagen vergiftete die Besuchsankündigung des schönen Fernandos ihr eher karges, aber zufriedenes Leben.

Das wiederholte Klopfen ließ die Eingangstür erzittern. Gisela zupfte ihre grüne, einfache Bluse zurecht, so dass der Stoff über dem Speck der Wechseljahre weniger spannte. Ihre Augen visierten die Tür an, über der sie für eine Zehntelsekunde Halt fanden an einem Bild, das den morbiden Charme einer vom Kolonialstil geprägten Altstadt zeigte: Fernandos Heimat.

Gisela öffnete die Tür nur einen Spaltbreit. Es war nicht Fernando, es war Eve. Das dumme Kind saß zusammengesunken auf der Stufe zur Tür. Es wirkte apathisch, leblos fast. Wieder einmal schien es, als wollte ihre verängstigte Seele dem ausgemergelten Körper entfliehen. Gisela fasste die Gefallene bei den Achseln, zog sie herein in die Gaststube, bettete sie auf eine alte Hundedecke.

   Während sie daran dachte, den Notarzt zu rufen, flehte Eve um einen Drink. „Bitte, bitte, vielleicht einen Cuba Libre.“

   „Was ist passiert?“, fragte Gisela, „zu viel Heroin?“

   „Nein!“ Gisela räusperte sich. „Also zu viel von Volker!“

   „Ja“, bestätigte das verzweifelte Mädchen, „er hat mir ins Genick geschlagen.“ Dann: „Neuerdings verlangt er von mir mehr denn je - für sich allein. Aber ich schaffe es einfach nicht.“ Eve begann hemmungslos zu schluchzen. Gisela wandte sich ab, um den Drink zu bereiten.


Vom Tresen aus beobachtete sie, wie Eve sich mühsam aufrichtete, der Hundedecke zu entfliehen. Kein Wunder, das Textil war dick wie ein Schafsfell, filzig und stank zum Gotterbarmen. Doch dass die Kleine daran in ihrem Zustand noch Anstoß nahm … Auch Gisela hatte einst auf dieser Decke gelegen, als der kuschelige Bodenbelag gerade angeschafft worden war, vor fast 35 Jahren, mit nacktem Hintern und Fernando über sich. Eine Erinnerung, die heute widersprüchliche Empfindungen auslöste.

Damals war Fernando, der mit vollständigem Namen Fernando Meier hieß, nach Hamburg gekommen. Untergebracht war er ganz in der Nähe gewesen, wo er sich mit einem zweiten Kuba-Flüchtling ein bescheidenes Zimmer hatte teilen müssen. Gisela hatte gerade mit dem Job in der Havanna-Bar begonnen, stundenweise. Nicht nur als junge, begabte Studentin mit dem Ziel, Archäologin zu werden, sondern auch als glückliche Frau, die im Begriff gewesen war zu heiraten. Ihr Verlobter soll ein lieber, fleißiger Mensch gewesen sein. Umso schrecklicher für ihn, dass er nur zwei Monate später aus der gemeinsamen Wohnung vertrieben worden ist, von Fernando, mit einer durchgeknallten Gisela als tatkräftige Hilfe.         

Eve schaffte die wenigen Meter zum Tresen aus eigener Kraft, schwankend zwar, aber aufrecht. Dankbar nippte sie an ihrem Glas. Dann seufzte sie erleichtert. Mit jedem Schluck gewann ihre Stimme an Kraft. Etwas Schweres fiel von ihr ab.

   Schon gefasster plapperte sie: „Was wohl die Reichen so trinken?“ Ihre Stimme hellte sich auf: „Vorhin bin ich in einen großen Wagen zu einem Münchner gestiegen. Er hat mich für später mal zum Essen eingeladen.“ Sie sagte es nicht ohne Stolz.

   Gisela grinste. „Ein Münchner? Woher weißt du das?“

   „Sein Nummernschild beginnt mit einem M.“

   „Ach so!“ Gisela winkte ab. „Das bedeutet gar nichts. Könnte auch ein Leihwagen sein. Ein Perverser vielleicht, der es unerkannt auf die Schnelle besorgt haben will.“

   „Nein“, widersprach Eve, „pervers ist der nicht gewesen!“

   „Das ganze Leben ist pervers, jedenfalls für unsereinen“, murmelte Gisela.

Eve taute allmählich auf und freute sich über das nachgefüllte Glas. Währenddessen fuhr Gisela fort mit den Feierabendverrichtungen.

   Und während sie darüber nachsann, wie sie Fernando bei dessen Rückkehr begegnen sollte, hörte sie Eve fragen: „Soll ich fortgehen, wenn mein Volker immer brutaler wird?“

   Gisela, auf der Treppe zum Keller, rief herauf: „Ja, Kind, mach dich weg von  d e i n e m  Volker. Noch besser wäre es allerdings, du gingest gleich auf Entzug.“

   „Ach wo, was soll ich denn auf Entzug? Ich bin jung und habe das Leben vor mir.“ Sie lachte spitz. Dann ergänzte sie: „Irgendwann wird der Tag kommen und ich werde es tun müssen. Anschließend werde ich dich besuchen und mit dir ein Gläschen trinken auf ein neues, schöneres Leben.“

Inzwischen war Gisela zurückgekehrt aus dem Keller.

   Nachdenklich sagte sie: „Wenn man etwas wirklich will oder nicht will, dann darf man keine halben Sachen machen.“

   Eve zuckte mit den Achseln, kicherte: „Was soll das heißen? Willst du, dass ich mich jetzt tottrinke mit deinem Cuba Libre?“ Sie lachte glucksend.

   Gisela stand wieder hinter dem Tresen, schenkte entgegen der Gewohnheit auch sich selbst einen Drink ein.

   Nochmals füllte sie Eves Glas. „Geht aufs Haus.“ Dann prostete sie der nächtlichen Besucherin zu. Milde lächelnd erklärte sie: „Du hast mir sehr geholfen bei einem wichtigen Entschluss.“

Eve richtete sich auf, kniff fragend die Augen zusammen.

   „Ja“, erklärte Gisela, „auch ich bin mal von einem Menschen abhängig gewesen. Und glaube mir, ich will den Kerl freiwillig niemals wiedersehen.“

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Am nächsten Tag schrillte das Telefon, ununterbrochen. Gisela fuhr hoch. Hatte sie verschlafen? War das schon Gonzo, ihr Chef? Zu ihrer Tätigkeit in der Havanna-Bar gehörte es seit geraumer Zeit, dem Dicken das Essen zu bereiten. Gonzo wünschte täglich um 17.00 Uhr zu speisen. Gisela warf einen Blick auf den Wecker, der auf ihrem Nachttisch stand. Der zeigte aber erst 14.00 Uhr an. Sie erschrak. Fernando?! Blitzartig war sie hellwach. Doch alles in ihr weigerte sich, den Anruf anzunehmen. Da, einem kurzen Schweigen des Telefons folgte ein erneutes Schrillen. Zögernd nahm sie den Hörer auf.

   „Wurde aber auch Zeit“, beschwerte sich die schneidende Stimme Gonzos.

   Gisela setzte sich aufrecht. „Weißt du, wie spät es ist?“, versuchte sie sich an einer Beschwerde.

„Selbstverständlich“, schnarrte der Chef. Dann fügte er hinzu, dass er Gäste erwarte und dass Gisela heute früher als sonst zur Arbeit erscheinen müsse. Als seine Angestellte nicht gleich antwortete, fügte er mit murrendem Unterton hinzu: „Ich bitte dich darum!“ Da wusste Gisela, dass es wichtig war für Gonzo.

Wenn für den kränkelnden Barbesitzer etwas von Bedeutung war, dann seine politischen Freunde. Exilkubaner zumeist, von denen viele heute in Amerika lebten. Früher war Gonzo öfter mal nach Miami gereist. Noch länger war es her, dass die Freunde nach Hamburg gekommen waren. Zu denen übrigens zu Anfang auch der junge Fernando gehört hatte, als Vertreter seines kranken Vaters. Der junge Heißsporn, der alsbald für einige Jahre in Hamburg heimisch werden sollte, hatte die Treffen gelegentlich geschwänzt, um mit Gisela auszugehen. Abfällig hatte er dann gesagt: „Lass die alten Männer von alten Zeiten träumen, ich denke lieber an die Zukunft, die flüstert mir zu, dass Fidel Castro in 10 Jahren ohnehin nach Moskau geflüchtet sein wird.“ Und mit düsterem Unterton hatte er manches Mal hinzugefügt: „Dafür werden wir schon sorgen.“ Fernandos Deutsch war selbst für einen Deutschstämmigen außergewöhnlich akzentfrei. Im Gegensatz zum Kauderwelsch Gonzos, der sich lange Zeit nur mühsam hatte verständigen können.

Gisela sprang unter die Dusche, schlüpfte in ein dunkles, weiches, fließendes Kleid, legte das Make-up einen Tick sorgfältiger auf als sonst. Zügig, genau wissend, was sie wollte, suchte sie in der Langen Reihe, einer schmalen, quirlig bunten Einkaufsstraße, verschiedene Läden auf. Gonzo wünschte ein Steak zu essen, am liebsten mit grünen Bohnen. Der Hungrige lag wie zumeist in den letzten Jahren im Bett. Das Herz! Immerhin: Er hatte die Siebzig überschritten. Wie alt er genau war, wusste Gisela nicht. Das wollte sie auch gar nicht wissen. Ihr gefiel es so, wie es war. Denn in dem Maße, wie seine Altersbeschwerden aufkamen, verlor sich seine aggressive Strenge.

Gonzo saß aufrecht im Bett und aß mit ungewöhnlichem Appetit. Er wirkte entspannter als sonst, seinem Atem fehlte das angestrengte Pfeifen.

   „Wir bekommen morgen Besuch“, sagte er schmatzend, beiläufig.

Gisela hatte sich gerade ans Bettende gesetzt, dem Kranken etwas Gesellschaft zu leisten, als es plötzlich schien, als würde sein Atem aussetzen. Sie erschrak. Doch Gonzo war quicklebendig, er drehte die Gabel, auf der ein Stück Fleisch steckte, um ihre Achse.

   Nach einem tiefen, ausgleichenden Atemzug sagte er: „Auch Fernando wird morgen Nachmittag einfliegen.“

Giselas Augen weiteten sich, ihr Herz begann wild zu pochen. Gonzo steckte die Gabel in den Mund und schmatzte genussvoll. Dabei beobachtete er seine Tresenbedienung aus den Augenwinkeln.

   „Freust du dich auf Fernando?“

Die Frage hatte etwas Lauerndes. Gisela wusste, dass Gonzo eifersüchtig werden konnte, zumindest seit sie vor Jahren begonnen hatte, gelegentlich das Bett mit ihm zu teilen. Sie beantwortete die Frage nicht.

   Stattdessen redete Gonzo: „Er hat sich verändert, dein Fernando. Aber nicht zu seinem Besten. Also erschrick nicht, wenn er vor dir steht.“ Wenn es etwas gab, worauf Gisela weiß Gott würde verzichten können, dann aufs Erschrecken, erst recht auf die Begegnung mit dem Todesengel.

Seiner Gewohnheit bei außergewöhnlichen Ereignissen folgend, überließ Gonzo nichts dem Zufall. Ganz oben auf der Liste der Anordnungen stand das Entstauben und Geraderücken der Bilder an den Wänden der Gaststube. Zuerst kamen die eingerahmten Fotos einer Gruppe von Gründerzeithäusern dran: Gonzos Lieblingswandschmuck. Nicht nur einmal hatte sie den derben Menschen weinend erlebt beim Betrachten der prunkvollen Gebäude hinter den entspiegelten Gläsern. Gisela wischte über die Scheiben, dann über die Rahmen. Nach und nach brachte die Prozedur hinter den klebrigen Ablagerungen fettigen Zigarrenrauchs eine von Licht überflutete, atemberaubend schöne karibische Inselwelt hervor.

Als sie die in Öl gemalten Festungen El Morro und La Cabana reinigte, wurde auch sie zum hundertsten Mal von Fernweh gepackt. Hinzu kam, dass die mächtigen Mauern einen unerklärbaren Reiz auf sie ausübten. Ja, hinter solchen Mauern wäre sie ganz sicher unantastbar und auf der ihr angestammten Lebensbahn geblieben. Doch die dicken Wälle waren fern. So wie Kuba, Havanna, weiße Strände, berauschende Nächte. Nie war sie dort gewesen, obwohl der größte Teil ihres Lebens mit der Zuckerrohrinsel verknüpft war. Und zum wiederholten Mal beschäftigte sie die Frage, wie wohl die Pflanzen aussehen und sich anfühlen mochten, aus denen der Cachaca gemacht wurde, aus dem sie Abend für Abend Caipirinha zubereitete. Auch und vor allem interessierte es sie brennend, wie wohl der Cuba Libre auf Cuba schmeckte? Gisela seufzte. Fernando wusste es und Gonzo wusste es auch. Überhaupt wussten es so viele.

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In der folgenden Nacht schloss sie die Bar überpünktlich. Keine Besucherin, die noch hereingelassen wurde. Der frühe Feierabend indes sollte ohne wirklichen Nutzen bleiben, denn in dieser Nacht haperte es an Schlaf. Ein Ärgernis, wusste Gisela doch nur allzu gut, wie das Antlitz infolge durchwachter Nächte grau und fleckig eingetrübt werden konnte. Aber leer und grau auszusehen, das war heute nicht ihre Absicht. Also würde sie am Nachmittag besondere Sorgfalt aufs Schminken legen müssen. Bis

dahin aber galt es, all die feinen und exotischen Leckereien einzukaufen, mit denen Gonzo seine Gäste verwöhnen wollte. Sogar die türkischen Gemüsehändler am Steindamm hatte sie bis 12.00 Uhr abgeklappert. Der dicke, kranke Patron registrierte den Fleiß seiner übermüdeten Angestellten mit sichtbarer Zufriedenheit.

Bald darauf begann Gisela Gemüse zu putzen, Kartoffeln zu schälen, Fleisch zu marinieren. Kein Problem, wenn da nicht der drohende Besuch wäre. Dieser eine, ganz bestimmte Besuch. Gisela sah auf die edelhölzerne, in die Breite gearbeitete Uhr am Ende der Bar, ein Modell aus den fünfziger Jahren. 14.35 Uhr. Wann sollten die Gäste einfliegen? Am Nachmittag? War jetzt schon Nachmittag oder war erst nach Mittag? Vorsichtiger als sonst hantierte sie mit den Messern und sonstigen scharfschneidigen Küchengeräten. Zu nervös war sie geworden, zu verunsichert von dem, was auf sie zukommen würde. Ihre Bewegungen wurden fahrig, fahrlässig geradezu gegen sich selbst, sobald sie die Konzentration vernachlässigte.

Irgendwann, Gisela machte gerade eine Pause am Fußende von Gonzos Bett, klingelte das Telefon. Mit einer Kopfbewegung wies der seine Tresenbedienung an, das Gespräch anzunehmen.

   „Havanna-Bar, ja bitte?“

Schweigen. Langes Schweigen.

   „Bist du es, Giesel?“ Die Stimme gehörte zu Fernando.

Ganz fest presste sie den Hörer ans Ohr, wagte kaum zu atmen.

   „Hier ist Fernando. Du kannst Gonzo sagen, dass wir gelandet sind.“

Keine Stunde später bogen drei Taxis in die Altbauschluchten St. Georgs ab. Nur wenige hundert Meter und sie hielten vor der Havanna-Bar. Ein wenig matt aussehend, aber munter schwätzend entstiegen den cremefarbenen Fahrzeugen sechs gealterte, gut gelaunte Männer. Ihre Kleidung war angeknittert, nicht weniger waren es ihre Gesichter. Gisela stand hinter einem Fenster und beobachtete die Ankunft. Ihr Herz begann zu flimmern, als ein jüngerer Mann dem Beifahrersitz des vorderen Wagens entstieg. Merkwürdig: Nur mit Verzögerung setzte Fernando seine Füße auf den Gehweg. Der ungewohnte Schritt vermochte sie nur kurz abzulenken. Dann wurde sie von einem über Jahre aufgestauten Zorn überwältigt. Verfluchter Hund!, schimpfte sie aus der Tiefe ihres Empfindungslebens.

Es blieb ihr keine Wahl. Sie musste die Tür öffnen und die Gäste - sämtliche Gäste! - eintreten lassen. Was für eine Begrüßung. Die Herren in den teuren, eleganten Anzügen erkannten die langjährige Angestellte ihres Kumpels Gonzo sofort. Umarmungen, warme Händedrücke, Ausrufe des Entzückens. Zum Schluss betrat Fernando die Gaststube. Augenblicklich riss das Gelärme ab. Man hatte plötzlich mit dem Koffer, dem Taschentuch, dem Betrachten der Einrichtung zu tun. Die Augen jedoch, die hafteten verstohlen auf Gisela. Was würde geschehen? Wie würde die einst Gedemütigte den schönen Fernando empfangen?

Gisela vergaß die in unzähligen Wachträumen ersonnenen Varianten eines Widersehens mit Fernando. Stattdessen erschrak sie ganz einfach über seinen linken Jackenärmel, der schlaff und leer herabhing. Fernando schien die Reaktion der einstigen Geliebten und Gefährtin zu amüsieren. Er grinste, fasste mit der Rechten nach seinem leeren Ärmel, schüttelte ihn demonstrativ.

   „Sprengstoff!“, sagte er lakonisch.

   Seine Begleiter begannen zu lachen. „Unser Fernando, ein Teufelskerl“, brummte einer. Andere ballten die Faust.      

Gisela führte die Ankommenden zu Gonzo ans Bett. Der war übers Warten schläfrig geworden und eingenickt. Sie ließ die Gesellschaft allein, suchte die Küche auf und fuhr fort mit der Zubereitung des Essens. Irgendwann erschien Fernando in der Küche. Er duftete nach einem exotisch herben Parfum, würzig, frisch, anziehend. Er sprach kein Wort, steckte seinen Zeigefinger in die Schüsseln und Töpfe, probierte hier, probierte da.

   „Was würden deine Freunde sagen“, mahnte Gisela, „wenn sie erführen, dass du deinen Finger in ihr Essen steckst?“

Fernando legte einen verächtlichen Ausdruck auf sein Gesicht, wobei er mit einer raschen Kopfbewegung zur Tür hinaus auf die fröhlich schwätzende Gesellschaft wies. Dann verließ er die Küche, wortlos, so wie er hereingekommen war.

Mag er auch noch so gereift aussehen, er scheint doch der gleiche geblieben zu sein, dachte Gisela. Aber, wie es schien, besaß der verdammte Kerl trotz seiner Behinderung nicht weniger Selbstvertrauen als damals. Er wird wohl Karriere gemacht haben in dem Unternehmen seines Mentors, eines Schiffbauers. Kräftig atmete Gisela durch. Wird er versuchen mit ihr anzubändeln? Oder wird der Schweinehund nach drogensüchtigen Mädchen Ausschau halten? So wie früher. Eines jedenfalls stand für Gisela fest: Vergriffe er sich an einer der Gestrauchelten, die nächtlich auf einen Cuba Libre vorbeikamen, sie würde Fernando ein Messer in die Brust rammen. Diese feste Absicht ließ sie entspannen, nachhaltig sogar.

Allmählich gelang es ihr, sich wieder ausschließlich auf die Vorbereitung des Essens zu konzentrieren. Hilfreich war dabei, dass Gonzo die Bar für heute geschlossen hielt. Erstaunlich, wie sicher und gelöst der fettleibige Herzkranke hinter dem Tresen stand und seine Gäste bediente. Gegen 18.00 Uhr wurden die bestellten Hummer angeliefert. Gisela verzog das Gesicht. Der Vorstellung, die Viecher lebendig ins kochende Wasser legen zu müssen, entsprang ein tiefer Widerwille.

Ein Konflikt, der ihr jedoch erspart bleiben sollte. Denn kaum dass die Essensvorbereitungen abgeschlossen waren, erschien Gonzo in der Küche und entließ die Verblüffte in den Feierabend. Was die Männer Geheimnisvolles zu besprechen hatten, war für sie in der Vergangenheit ohne Belang, ebenso wenig scherte sie heute ihr Getue. Dankbar wies sie den Patron in den Stand der Vorbereitungen für die Wiedersehensfeier ein und verließ die Bar durch den Nebeneingang übers Treppenhaus.

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Unabgelenkt jetzt, bar aller Pflichten fiel es Gisela schwer, aufkommenden Reminiszenzen an Fernando zu widerstehen. Es waren wunderbare Monate, Wochen und Stunden gewesen, die sie zu Beginn der Beziehung mit ihm hatte erleben dürfen. Empfindungen und Sehnsüchte, so auffliegend, so schön, intensiv und anhaltend wie nie zuvor und nie danach. Eine erregende Elektrizität, die von ihm zu ihr geflossen war, von der sie damals geglaubt hatte, sie würde endlos andauern. Doch nicht lange und Fernando hatte seine andere Seite zeigen sollen: Gewalt auslösende Fehlschaltungen, 1000-Volt-Aussetzer ohne Vorankündigung. Es begann mit einer fürchterlichen Ohrfeige mit der flachen Hand. Eine einmalige Entgleisung, wie Gisela geglaubt hatte, daher verzeihbar. Verzeihbar? Ja! Fernando war ein Vertriebener und zwar mit der ganzen Familie, davongejagt von Haus und Hof. Einem eigenen Hof. Große Ländereien, Zuckerplantagen haben es gewesen sein sollen. Einfach weggenommen. Von Fidel Castro, den Fernando am liebsten in der Karibik versenkt sähe. Doch der alte stupide Revolutionär war immer noch da. Und wie man im Fernsehen verfolgen konnte, fühlte er sich ganz offensichtlich pudelwohl auf seinem sozialistischen Kuba. Konnte es einen Vertriebenen geben, der dabei nicht verrückt würde im Kopf?

Gisela, die nicht weit entfernt vom Hansaplatz in einem viergeschossigen Gebäude wohnte, stand endlich vor der Haustür. Während sie den Haustürschlüssel in das Schloss steckte, befanden sich ihre Gedanken bei der Frage, wo und wie wohl Fernando heute residieren würde. Wieder so herrschaftlich wie einst auf Cuba? Ach, Cuba ...! Da war sie wieder, die eigentümliche Sehnsucht nach dieser Insel, die vielleicht alles erklären konnte. Darauf hatte sie gesparrt. Das Geld für die Reise lag schon seit Längerem bereit.

Mitternacht sollte es werden, bis sie endlich zu gähnen begann. Ein sicheres Anzeichen für den Schlaf. Doch dann klingelte es unerwartet an der Wohnungstür. Verabredet war sie nicht, so wenig wie an den letzten tausend Abenden zuvor. Gerechnet aber hatte sie schon mit einem, mit Fernando. Und es erfüllte sie mit Genugtuung, dass er tatsächlich zu ihr kam und nicht zu einem der billigen Flittchen ging, mit denen er sich früher so gern die Zeit vertrieben hatte.

Sie gab sich einen Ruck, schlüpfte in eine graue, leblose Bluse und stieg in bereit liegende Jeans. Dann öffnete sie die Tür. Mit dem Eintreten in die Wohnung küsste der Besucher der Erstarrenden die Stirn. Ganz so wie früher zog er sofort das Jackett aus, warf es auf den erstbesten Sessel. Nur die Hemdärmel, die konnte er nicht aufkrempeln so wie einst.

   „Wieder zu Hause!“, stellte er fest. Und während er sich in der Wohnung umschaute, nickte er mit dem Kopf, so als würde er einen Tagesordnungspunkt abhaken. Gisela hatte noch keinen Mucks von sich gegeben. Sie schüttelte nur immer wieder, aber halbherzig den Kopf. Denn so hatte sie sich das Widersehen nicht vorgestellt.

   „Gibt es etwas zu trinken?“

   „Cola, sonst nichts.“ Mürrisch fragte Fernando nach: „Keinen Cachaca, keinen Wein, nicht einmal Bier?“

   Gisela musste lachen. „Nichts davon.“

   Fernando erhob sich, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. „Aha“, sagte er, „du willst mich suchen lassen. Ein Spiel?“ Dann öffnete er die Balkontür. Eine milde Kühle wehte herein. Wo ist der Kasten Bier, den du hier immer lagerst?“ Einen Tick länger als eben noch, fast schon drohend, so sah er Gisela an. „Ihr habt hier in Deutschland doch bestimmt auch Pizza- und Getränkedienste, die man nur anzutelefonieren braucht. Falls nicht, musst du eben zur Bar laufen“, verlangte er.

Vor 20 Jahren wäre keiner seiner Wünsche unerfüllt geblieben.

Heute aber sollte dieser Film einen unerwarteten Regisseur bekommen, genauer gesagt: eine Regisseurin.

   „Wenn du etwas Alkoholisches möchest“, entgegnete Gisela scharf, „dann musst du es dir selbst holen. Du weißt doch, wo die Havanna-Bar ist. Und wenn du zurück bist, mische ich uns einen schönen Cuba Libre.“

   Fernando empörte sich: „Du weißt doch, dass ich das Arme-Leute-Gesöff nicht anrühre. Also geh’ und besorge uns Champagner. Ich zahle morgen bei Gonzo.“

Ausgerechnet Gonzo, der ganz sicher furchtbar eifersüchtig würde, dachte Gisela. Prüfend, hellwach, so sah sie Fernando in die Augen. Eigentlich hätte der jetzt fuchsteufelswild werden müssen.

Doch bei aller vordergründigen Strenge wirkte Fernando eher nervös, verunsichert, irgendwie ratlos. In diesem Zustand war er unberechenbar. Gisela wich zurück, suchte den äußersten Rand des Sofas.

   Zwar presste Fernando bei geöffneten Lippen die Zähne aufeinander, doch blieb er ruhig, als er in seinem eigentümlichen Singsang sagte: „Du solltest wissen, dass man so nicht reden darf mit einem Fernando Meier, nicht in Miami und nicht in Hamburg. So hat man auch nicht mit meiner Familie reden dürfen, als wir noch auf Kuba gelebt haben.“

Gisela verkniff ein Grinsen. Auf keinen Fall durfte sie ihn reizen, das könnte lebensgefährlich werden. Denn immer klarer stellte sich heraus: Fernando war immer noch der Alte, keine Frage, er war der verdammte Todesengel ihrer frühen Jahre. Unter dem Kopfkissen am Ende des Sofas lag ein Messer versteckt. Mit dessen Hilfe plante sie den nunmehr einarmigen Exfreund für den äußersten Fall in Schach zu halten.

   Der gab sich auch weiterhin fordernd: „Ich erwarte, dass du mir etwas zu Trinken heranschaffst. Das ist mein gutes Recht. Immerhin sind wir schon einmal fast verheiratet gewesen.“

   Gisela schüttelte den Kopf und erwiderte: „Die Zeiten ändern sich, mein Lieber. Im übrigen bin ich froh, dass wir nur fast verheiratet gewesen sind, denn das zählt nicht, nicht früher und nicht heute. Und nun, bitte“, so forderte sie, „verlass auf der Stelle meine Wohnung.“

   Fernando sprang auf. „Du willst mich rausschmeißen?“

   „Nicht rausschmeißen, mein Lieber, verabschieden will ich dich.“

Allmählich kroch die Furcht an Giselas Rückgrat herauf. In Fernandos Augen zeigte sich erstmals dieser blöde, gefährliche Blick.

   Ruckartig hob der das Kinn. „Wer bist du eigentlich, du kleines schäbiges Nichts? Kennst du keine Dankbarkeit? Dafür, dass einer wie ich dich so viele Jahre an seiner Seite erduldet hat? Auf Kuba, da hätten wir eine wie dich zum Kartoffelschälen in die Küche gejagt. Na ja, viel mehr tust du ja auch in der Havanna-Bar nicht. Zu mehr taugst du einfach nicht.“ Fernando lachte höhnisch. Er zog seine Jacke über, machte auf dem Absatz kehrt. „Ich besorge jetzt Champagner für uns, denn ich bin großzügig und werde das Aschenputtel für heute Nacht zu einer Königin machen, ganz so wie früher.“ Wieder lachte er, laut und schallend. Dann verließ er die Wohnung.

Gisela wusste: Der Keim für eine Neuinfektion ihres Gefühlslebens hatte die äußeren Schichten ihrer Seele erreicht. Nicht eine Minute vergeudete sie mit dem Gedanken, sich dieser Attacke auszusetzen. Wenige Schritte nur, dann stand sie auf dem Balkon und spähte über das Geländer. Wichtig war jetzt, dass Fernando tatsächlich den Weg zur Havanna-Bar einschlug. Als der Unberechenbare endlich außer Sichtweite war, raffte sie ihre Kleider zusammen, faltete und stopfte die Klamotten in einen Aluminiumkoffer.

Auf einer Bank an der Alster wartete sie auf das Morgengrauen. Und mit der ersten U-Bahn fuhr sie nach Barmbek, von dort mit der S-Bahn zum Flughafen. Bereits am Nachmittag landete sie in Frankfurt. Und schon am Abend saß sie im Heck einer Boing nach Havanna auf Cuba, dem einzigen Ort, an dem sie sich jetzt in Sicherheit wusste vor Fernando Meier.


© Rüdiger N. Aboreas,  Juli 2006

Kurzgeschichte   -   Cuba Libre                                                                                               2006

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