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Gedichte   -   Eine Auswahl

Aus: „Erste Liebe“, Anthologie.                        Ein Stadtteilkulturprojekt, Dulsberg, Hamburg. Zusammengetragen v. Rüdiger Aboreas und Patricia Schulze, 2008.

Das Kunstwerk

Ein Künstler aus dem Kunstverein
hockt still vor einem Busche.
Er guckt in eine Grotte rein
und malt sie dann mit Tusche.

Und später in der Galerie,
da stutzt ein Kunstexperte.
Er fragt sich, ob die Frau Marie
dem Künstler etwas lehrte.

Der Laie staunt und wundert sich,
steht ratlos vor der Wand.
Er sagt: "Die Grotte ängstigt mich."
Dann ist er weggerannt.

Doch Hunderttausend kommen bald,
das Kunstwerk zu besehen.
Auch suchen sie im dunklen Wald
den Grund für sein Entstehen.

Die Fachwelt bietet sehr viel Geld,
die Reize zu ergründen.
Da meldet sich die Unterwelt,
es schimpft der Herr der Sünden:

"Ein Bild, das keinen ruhen lässt,
das Tausende anbeten,
entsteht, wenn man es unterlässt,
die Grotte zu betreten."

C = Aboreas, 1998


Empfindung

Sanfte Begierde, die
stumm und verhalten
über die
tauigen Gräser
eines verträumten Gestades
in der auf-
gehenden Sonne
eines großen Gefühls
tanzt.

Tastende Finger, die
unstet
in der aufkommenden
Schwüle
zwischen dem
spärlichen Bewuchs
einer sanft abfallenden
Dünung
nach Halt suchen.

Krampfenden Hände, die
in der auf-
schäumenden Springflut
des Verlangens
hilflos und ver-
gebens nach dem
rettenden
Atem der Besinnung
fassen.

Schwerelose Seelen, die
nach
der befreienden
Durch-
Mischung der Elemente
in der Stille der
Nacht
neue Lebenskräfte
sammeln.

C = aboreas 1998


Angebot und Nachfrage

Wenn eine Aktie emittiert,
versammeln sich die Geldgewandten.
Wenn ein Gerücht das Maul passiert,
dann grüßen sich die Denunzianten.

Die einen fragen nach Bilanzen,
nach dem, was die Geschäfte stört.
Die andern lauern wie die Wanzen
auf den, der zum Gerücht gehört.

Sind Börsenkurse schlicht notiert,
für jedermann leicht einzusehen,
ist die Verleumdung ziseliert
und oft nur schwerlich zu verstehen.

Der Aktionär erlöst Gewinn,
den Kursanstieg, die Dividende.
Dem Denunzianten steckt was drin,
es kitzelt ihn in Hals und Lende.

Sie mögen grundverschieden sein,
doch folgen sie den Marktgesetzen:
Ihr Wert stellt sich durch Bieten ein,
ja, auch beim nachgefragten Petzen.

© aboreas, 2003

Wenn die Kunst die

Wirklichkeit nicht wirklich beschreibt,
dann wird die Wirklichkeit
zu einem künstlichen

Kunstwerk.


C = aboreas 12/2002

Vergänglich

Zwei Autos, die parkten am Wegesrand:
Ein Volvo, ein Daimler – schon altbekannt.
Sie zänkelten, prahlten und blafften sich an.
Da hupte der Daimler, versicherte dann:
„Ich war einst zu Hause in Blankenese,
mein Herr aß nur Austern und Öko-Käse,
dazu trank er Wein und betörte die Frauen.
Er ließ sich ein Schiffchen zum Segeln bauen
und grüßte mit Freuden die Elbchaussee -
nur Volvos am Wege, die taten ihm weh.

Da kochte der Volvo, geriet fast in Brand,
versicherte, ihm sei der Fahrer bekannt:
Sein Käse sei stinkig wie Harzer Roller
und dumm sei der Kerl wie ein Straßenpoller.
Das Schiffchen, das habe nach Fisch gestunken
und sei doch bestimmt schon am Kai gesunken.
Der Daimler bestünde aus Billig-Blech,
gewiss nichts Besondres, nur grottenfrech!“

“Ich aber“, verriet er, „war König hier.
Mein Herr trank Champagner, kein Billig-Bier.
Er tronte auf Seide und Tüll am Steuer,
verziert von Brillianten, unmenschlich teuer.
Es duftete süßlich nach Rosenholz,
ein Auto, ein Volvo, so göttlich, so stolz.“

Auf einmal, in frühester Morgenstunde,
fuhr knatternd ein Polo die erste Runde.
Und mit ihm kam schleichend das Tageslicht.
Da drohte der Benz dem früh störenden Wicht:
„Du billiger Stinker, du Schachtel auf Rädern,
du kopfloser Spatz ohne Flügel und Federn,
verschwinde, du Wanze, ich jag dich sonst fort.“

Es fiel ihm der mächtige Volvo ins Wort:
„Die Autos von heute - ein schlimmes Los,
verbrauchen auf Hundert sechs Liter bloß.
Ihr Leib wirkt so mickrig, wie auf Diät,
die leben nicht lange, die Mode vergeht...“

Ein kreischiges Schmatzen zerriss jäh die Nacht.
Schrill hupte der Volvo, ein Kran hob ihn sacht.
Dann fiel er vom Haken, direkt in die Presse.
„Häh, häh“, rief der Daimler, „jetzt gibts auf die Fresse!“
Doch ohne Verspätung, so zwanzig nach sieben,
war auch von dem Daimler nur Schrottwert geblieben.
Sein Würfel erreichte die Schmelze um Acht.
Sogleich griff die Glut nach der einstigen Pracht.

C = Rüdiger Aboreas

Veröffentlicht in: T. Rohrer, U. Eickenberg, SPAß BY SEITE, Poesie-Antologie der Leselupe, ISBN 3-935982-5



Lebenshilfe

Schon immer hofften Chris und Kalle
auf Zauberhilfe durch Kristalle.
Sie suchten einen feurig-klaren
auf Messen und auf Fachbasaren. 

Auf blauem Samt entdeckten sie,
was Kenneraugen Glanz verlieh,
und feilschten, boten ohne Maßen
viel mehr, als sie real besaßen. 

Vergeblich, wie sich bald erwies,
weil sich der Stein nicht kaufen ließ.
Doch Chris und Kalle wollten nicht
verzichten auf das Funkellicht.     

Im Dunkeln schlichen sie zurück
und stahlen weg das gute Stück.
Es sollte nur noch ihnen nützen,
vor allem jetzt - vor Strafe schützen.

C aboreas, 9/2004












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